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#4 Dance|ing Stage|ing Age|ing

Danced Lecture & Gespräch

Unter dem Titel „Dance|ing Stage|ing Age|ing“ widmet sich die Forschungsreihe diesmal der Fremdheitsfigur Alter(n). Hierzu treffen sich Susanne Martin, Choreographin, Tänzerin und Tanzforschende, und Miriam Haller, Kulturwissenschaftlerin und Kulturgeragogin – zwei Forscherinnen mit langjähriger und jeweils sehr spezifischer Expertise in Bezug auf Alter(n)sfragen. Im Format der Danced Lecture entwickelt Susanne Martin seit Jahren performative Strategien der Aneignung und des Sich-Befremden-Lassens. Miriam Haller interessieren ihrerseits genau diejenigen, über die üblicherweise geforscht und gesprochen wird und die sie verschiedentlich in ihre eigenen Forschungen mit einbezieht.

Im gemeinsamen Gespräch werden aktuelle Alter(n)sdiskurse kritisch aufgegriffen, indem Stereotype befragt, Narrative aufgebrochen, Erfahrungen angeboten und ‚ver-andernde‘ Perspektiven artikuliert werden. Tanz, Theater, Literatur werden zum Podium für verschiedene, das Alter(n) anerkennende Praktiken.

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GUESTS

Dr. Susanne Martin performt, erforscht und unterrichtet zeitgenössischen Tanz. Sie arbeitet international, kreiert Stücke als Solistin und kollaborativ. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit Improvisation als choreographische Praxis, Narrationen des Alter(n)s, Contact Improvisation und Practice as Research / künstlerische Forschung. Ihre Stücke waren u.a. auf folgenden Festivals eingeladen: Aerowaves (London), International Dance and Theatre Festival (Göteborg), Nottdance (Nottingham), Opera Estate Veneto (Bassano del Grappa), Tanec Praha (Prag). 2017 ist ihre PhD Dissertation Dancing Age(ing) im transcript Verlag erschienen, in der sie das Potenzial improvisationsbasierten Tanzes untersucht, kritisch in unsere Alter(n)skultur zu intervenieren. In ihrem aktuellen Post-Doc-Forschungsprojekt erkundet sie das Potential der Tanzimprovisation im Kontext von Ingenieursstudien.

Dr. phil. Miriam Haller ist Kulturwissenschaftlerin und Kulturgeragogin. Lange Jahre war sie stellvertretende Leiterin, dann Leiterin der Koordinierungsstelle Wissenschaft + Öffentlichkeit sowie des Center for Aging Studies an der Universität zu Köln. Neuerdings hat sie sich ver-andert und arbeitet nun als freie Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind performativitätstheoretische Diskursanalysen des Alters und Alterns, Alterstopoi und Narratologie des Alter(n)s, Ambivalenzen des Alter(n)s, Biographische Übergänge und rites de passage, Generationenbeziehungen und -diskurse, Methoden und Methodologie transdisziplinärer und partizipativer Alternsstudien, Kulturelle Bildung im Alter. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Aufsätze und Publikationen.

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REIHEN WEISE FREMD | STRANGE IN SERIES
Eine Forschungsreihe der Juniorprofessur Theaterwissenschaft
#4 Dance|ing Stage|ing Age|ing | Danced Lecture & Gespräch

Susanne Martin & Miriam Haller

9.5.2019 |Probebühne des ITW | Spinnereistr. 7 | Halle 18 Aufgang E | Leipzig

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„Wir beginnen nun mit dem ersten Stream unserer Wissensliturgie: Zum europäischen Bewusstsein“ (Internil, Gog / Magog: Teil IV Europa)

Von Dr. des. Jeanne Bindernagel

Die Arbeiten von Internil lernte ich zu einer Zeit kennen, in der ich mit Theater stark zu fremdeln hatte. Als Grundlage der ökonomischen und intellektuellen Existenz einer Theaterwissenschaftlerin, die ich unter anderem bin, hatten Theater und Theaterdiskurs vormals eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt – und zwar gerade unter der Bedingung, dass auf der Bühne sowohl Parameter gesellschaftlicher Normalität als auch meine eigenen Überzeugungen fraglich (gemacht) wurden. Gewohnheitsmäßig war es für mich ein Genuss, mich im Theater gesellschaftlich und ästhetisch verunsichern zu lassen. Mit Freude konnte ich dort jedes Denkspiel sportlich nehmen, durch das ich zur Infragestellung meiner Ethik und Weltsicht aufgefordert wurde. Ich hatte mich über 15 Jahre intensiv darin trainiert. Doch irgendwann im Jahr 2015 war erst einmal Schluss mit dem Spielen. Die uneingestandene Dialektik der Verunsicherung war aufgekündigt bzw. mir unerwartet drastisch ins Bewusstsein getreten: Der Genuss an der Verunsicherung, die Hin- und Aufgabe der eigenen Deutungshoheit mochten auch deshalb so geliebte Übung für mich als Theaterzuschauerin gewesen sein, weil ich diese außerhalb des eng definierten Raums Theater kaum auszuführen hatte. Ich fühlte mich sehr lange sehr sicher in dem Wissen, dass meine Weltsicht beim Verlassen des Theaterhauses wieder Gültigkeit haben und ich mich gesellschaftlich befähigt fühlen würde. Da tat die kleine philosophische Unterbrechung der eigenen Hegemonie sogar mal ganz gut. Theater muss sein, sagte man bis dahin auch sehr gerne.

Zugegeben, einverstanden war mit der Wirklichkeit auch vor 2015 wohl kaum ein vernunftbegabter und kritischer Mensch. Aber zumindest in der Stoßrichtung der Kritik vermutete man genügend gemeinsamen Boden mit den Anderen. Doch seit meinem Umzug 2015 nach Dresden marschierte über diesen Boden jeden Montag pünktlich um 18 Uhr eine beachtliche Zahl ‚anderer‘ Anderer, mit deren Kritik und Forderungen sich nicht nur kein Gemeinsames fand, sondern die strategische Stärke und unerwartete Aggression darin zeigten, ihre Sicht auf die Straße, in die Institutionen und in kollegiale Beziehungen hinein zu tragen. Dass es Faschist*innen gab, war nicht die Überraschung. Aber ihre Menge, ihre Persistenz und die Treffsicherheit ihrer langfristigen Verletzungen gesellschaftlicher Solidarität waren es doch, wider besseren Wissens. Diese Erfahrung hatte eine Sogwirkung. Anders als im Theater glaubte man sich in dieser Zeit in einer erschreckend realen Erfahrung angekommen. Alle Gespräche hatten ein neues Zentrum, jede Theoriearbeit, jeder ästhetische Genuss eine neue Zielvereinbarung.

Und genau der ästhetische Genuss entwickelte in dieser Situation ein Fremdheitsproblem. Wer hatte denn beim besten Willen überhaupt noch Zeit, sich ins Theater zu setzen? Nicht-weiße Freunde wollten nach sehr unangenehmen Begegnungen bei Dunkelheit nicht mehr allein durch die Stadt gehen und wurden allabendlich an der Tram abgeholt; Infoveranstaltungen wurden organisiert, deren Inhalte und Plädoyers allerdings nur wenige Wochen später von der Wirklichkeit bereits eingeholt wurden, weil es neue Übergriffe gegeben hatte; und alle Bekannten ‚von außerhalb‘ wollten am Telefon überhaupt erstmal verstehen, was denn da ‚bei euch‘ los sei und wann es bei ihnen auch soweit sein würde. Das Theater offenbarte mir in dieser Zeit wenig Werkzeuge, um mit diesen Gegebenheiten umzugehen. Es stand eher im Weg rum, wenn es nicht gerade Treffs für Geflüchtete organisierte.

Diese Erfahrung der Hysterisierung deutscher Gegenwart ist tatsächlich real. Doch einen wichtigen analytischen Zugriff unterschlägt sie: Ihre eigene Theatralität. Diese in die Handlungsoptionen miteinzubeziehen, ermöglichen das Theater bzw. die Performances von Internil. Etwa drei Jahre nach den geschilderten Begebenheiten diskutierte eine Lecture Performance von Arne Vogelgesang in Dresden die Situation vor Ort in theatralen Begrifflichkeiten. Eine Denkmalenthüllung (Oder war es ein Besuch der Kanzlerin? Hier jagt ja ein eskalierendes Großereignis das nächste und eigentlich sind sie alle gleich) war Gegenstand der Analyse. Da trafen Stadtpolitik, organisierter rechter Protestauflauf und bürgerschaftliches Engagement für die Werte der Zivilgesellschaft in einer Art Brechtscher Lehrstücksituation zusammen, inklusive Tableauästhetik, chorischer Untersuchung der öffentlichen Moral und unterschiedlichen gewaltvollen Urteilssprüchen, die im Internet in der Folge der Veranstaltung auf dem Marktplatz ihre Exekution fanden. Arne baute daraus Schaubilder, aus denen frappierend klar hervorging, welche Interessengruppen an derartigen Szenen wie verdienten und sie deshalb mit welchen Mitteln inszenierten. Unmittelbare Erfahrung lässt sich so, begrifflich am Theater orientiert und darin die Gegenwart historisierend, als etwas denken, zu dem man sich auch und gerade wegen der eigenen Involviertheit mit Abstand, nach-denkend verhalten kann. Handeln will man in der Folge nicht weniger als vorher.

Aber in den Performances von Internil verkompliziert sich die Lage erneut und hier kommt die Lust am Spiel für die Zuschauerin zurück. Denn Analyse und Verführung überführen sich hier gegenseitig ineinander. Der aufklärerische Impetus, mit dem sich Wirklichkeit in theatralen Kategorien analysieren lässt, bürgt bei Internil nicht für die Wahrheit. Mag er methodisch auf mich mehr als einmal befreiend gewirkt haben, die Rede von der Welt als Theater ist nicht linken Diskursanalytiker*innen wie mir vorbehalten. Vielmehr ist sie gängiges Narrativ etwa von Verschwöhrungstheorien und deren vielgestaltigen Spielarten. Internil kennt diese nicht nur (man hat bei der Fülle des in ihren Performances bearbeiteten Materials manchmal den Eindruck: Sie müssen jede einzelne davon auf Youtube gefunden und durchgespielt haben!), sondern arrangiert sie auch zu neuen Konstellationen. Spätestens hier ist dann wieder Schluss mit Distanznahme. Zu gefährlich nahe kommen sich in diesem Abgleich die Theatermetaphern marxistischer Theorie, bürgerlichen Kulturdünkels und rechter Allmachtsphantasien, als dass eine saubere Trennlinie einzuhalten wäre. Die Erzählungen werden von Internil ineinander verwoben, Avatare, talking heads und Darsteller*innen mit scheinbar untoten Körpern und verletzlichen Affinitäten zu ihren reenacteten Figuren werden zum Knotenpunkt ungelöster Verbindungslinien. Dieses Theater inszeniert wie eine hysterisierte Suchmaschine: Es fügt zusammen, was sich scheiden will, haut den Zuschauer*innen ihre eigenen moralischen Leitsprüche mit 1000facher Trefferquote um die Ohren und fragt am Ende doch sehr ernsthaft: ‚Was willst du als mündiger Mensch mit diesen Ergebnissen anfangen, welche Schlüsse aus ihnen ziehen? Wie wirst du dieser Ungerechtigkeit und diesem brodelnden Gewaltpotential begegnen? Für Verwirrung bleibt jetzt wirklich keine Zeit!‘ So nehmen die Performances von Internil den veränderten Grundton meiner Alltagserfahrung auf und schreiben ihn um. Es gibt ein Vertrauen zu und eine Freude an ihrem Theater, weil es sich zur Gegenwart präzise und engagiert, aber nicht theaterfeindlich verhält. Und es hat mir mit seinem Heer aus computermodellierten Kunstfiguren und deren Behauptung authentischer Erfahrung die Steilvorlage geliefert, einen Text über ein ‚Ich‘ zu schreiben, das der Welt von Internil entsprungen sein könnte.

Dr. des Jeanne Bindernagel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Hygiene-Museum Dresden und Lehrbeauftragte am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig

#3 internil

 

#3 internil

NUR MEHR BESIEGTE – Postpolitisches Theater in der Kopiermaschine Internet

internil Bild

In den vergangenen Jahren haben sich mit der Entwicklung neuer sozialer Medien auch Art und Ausmaß des politischen Engagements von Bürgerinnen und Bürgern geändert: Defensive „Politikverdrossenheit“ kippt zunehmend in aktive Demokratiefeindlichkeit. Während dabei im Zusammenhang mit dem Internet viel von Echos, Blasen, Kammern und großen Gefühlen die Rede war, wird über die Theatralität dieser Phänomene zumeist eher abschätzig und am Rande gesprochen. Doch gerade die darstellenden Künste sollten aufmerksam beobachten, wo und wie sich das neue politische Theater abspielt und was es sagt.

So feiert auf den Bürgerbühnen der großen Internetplattformen seit Jahren die politische Rede ihr Comeback auf dem Marktplatz der Meinungen: Jede „Expertin des Alltags“ kann auf Facebook zur Chor-Führerin ihrer Follower werden, jeder „Talking Head“ auf YouTube zum politischen Entertainer der Stunde. Gleichzeitig schlägt die Kritik an „denen da oben“ und ihrem (post)demokratischen Repräsentationsanspruch nicht nur als Demonstrationen und „Bürgerinitiativen“ auf die Straße zurück, nicht nur als identitäre Intervention in die „Safe Spaces“ vermeintlicher liberaler Diskurshoheit, sondern auch als episches Realtheater in eine insgesamt sich virtualisierende Wirklichkeit.

Insbesondere die schnell wachsenden Szenen von Reichsbürgern, Verschwörungsgläubigen und Souveränisten versuchen, dem vermeintlichen Theater der demokratischen „Politikdarstellern“ mit seinen eigenen Mitteln den Garaus zu machen. Ihre Reklamierung authentischer Menschlichkeit ist deswegen um so theatraler: Kostümiert mit vermeintlichen Polizeiuniformen, ausgestattet mit erfundenem Geld, legitimiert mit Dokumenten von auf hollywoodesk inszenierten Krönungszeremonien proklamierten Staaten erklären sie den künstlichen Verhältnissen in einer zerrspiegelnden Dauerperformance einen Krieg, der so lange wie absurde Donquichotterie wirkt, bis jemand schießt und jemand anders stirbt.

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Marina Miller Dessau und Arne Vogelgesang beobachten und bearbeiten als Mitglieder des Theaterlabels internil diese Entwicklungen seit mehreren Jahren. Ihr performativer Vortrag geht mittels Beispielen und Nachspielen auf eine Reise von der politischen Egomaschine des Vlogs bis in den post-ironischen Faschismus der neuen rechten Trollfront.

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ABOUT

Der internil Verein zur Untersuchung sozialer Komposition arbeitet seit mehr als dreizehn Jahren kontextbezogen und pseudopartizipativ mit einer großen Bandbreite an Ausgangsmaterialien: Architektur, Graffiti, Musik, Video, Fernsehen, Literatur, Internet. In den letzten Jahren hat sich das Label auf die Aneignung von recherchiertem Internetmaterial spezialisiert, mit besonderem Fokus auf politischen Diskursen und Propaganda.

INTERNIL_FLYER

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facebook-Auftritt

EINDRÜCKE
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REIHEN WEISE FREMD | STRANGE IN SERIES
Eine Forschungsreihe der Juniorprofessur Theaterwissenschaft
#3 Marina Miller Dessau & Arne Vogelgesang (internil): Nur mehr Besiegte | Performance Lecture
5.12.2018 | 17 Uhr | Geschwister-Scholl-Haus | Ritterstraße 8-10 | Leipzig

Diese Veranstaltung ist zugleich Auftakt der Reihe GESTISCH LEBEN! preparing BRECHT UNTER FREMDEN, einer Veranstaltungsreihe des Centre of Competence for Theatre (CCT) und des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig in Vorbereitung des internationalen wissenschaftlich-künstlerischen Symposiums BRECHT UNTER FREMDEN / BRECHT AMONG STRANGERS im Juni 2019 in Leipzig.

Diese Veranstaltung findet statt im Rahmen des Netzwerks Kritische und Weltoffene Universität.

Weitere Informationen:

Institut für Theaterwissenschaft Leipzig
GESTISCH LEBEN!

#2 Helena Waldmann

Was steckt hinter der Aussage „Made in Bangladesh“? Zusammen mit zwölf Kathak Tänzern_Innen aus Bangladesch hat Helena Waldmann in den berühmt-berüchtigten Textilfabriken Bangladeshs recherchiert und die Arbeitsbedingungen, die sie dort vorfand, in Tanz umgesetzt. […] Die Füße treten mit den Stichen der ratternden Nähnmaschinen ebenso um die Wette wie ihre Pirouetten mit den Garnspulen. Die schnellen Rhythmen des Kathak-Tanzes machen die Erschöpfung körperlich spürbar. „Ich bin körperlich nicht stark genug für diese Arbeit. Ich erlebe Ausbeutung und Missbrauch.“ Solche und andere Statements von Näher_Innen erscheinen gelegentlich als Projektion auf der Leinwand. Die Tänzerinnen verkünden dagegen ganz anderes ins Mikrophon: „Ich bin stolz, Teil der Modeindustrie zu sein – stolz, unabhängig zu sein.“ Auch das sind Sätze der Näherinnen und es sind genau diese nicht aufgelösten und nicht auflösbaren Ambivalenzen, die Helena Waldmann bei den Recherchen herausgefiltert hat und auf der Bühne nebeneinander stellt. Denn was für die eine Näherin Ausbeutung darstellt, bedeutet für die andere einen ersten Schritt zur finanziellen Unabhängigkeit.
Die Analogie zum europäischen Kulturbetrieb mit seinen selbstausbeuterischen Strukturen – im zweiten Teil des Stücks – spitzt das weiter zu. […]
„Made in Bangladesh“ ist ein starkes, unbequemes Stück und in seiner Konsequenz und Körperlichkeit genau das richtige Mittel, den rasenden Arbeitsverhältnissen der Gegenwart künstlerisch Ausdruck zu geben.

ZUM STÜCK


Helena Waldmann ist eine der bedeutendsten freien Tanzregisseurinnen des europäischen Gegenwartstheaters. Ihre Choreographien entstehen und touren weltweit. Die Themen ihre Arbeiten reichen von der erschreckend anarchischen Freiheit der Demenz (revolver besorgen, 2010) über das lustvolle Spiel mit Abhängigkeiten (BurkaBondage, 2009) bis zum anarchischen Fest gegen die Arbeitsdiktatur der Leistungsgesellschaft (feierabend! – das gegengift, 2008). Zuletzt untersuchte sie mit Tänzern, Akrobaten und 22 Mauerbauern das Ansehen des Passes in Hinblick auf die Bewegungsfreiheit, die er garantiert oder nimmt (Gute Pässe Schlechte Pässe, 2017). Waldmanns Choreographien ziehen im Sinne Brechts Parallelen zwischen sozialen und künstlerischen Bedingungen von Produktion, (Selbst-)Ausbeutung und (unfreiwilliger) Zugehörigkeit zu sozialen oder nationalen Gruppen. Helena Waldmann hat für ihre Arbeiten den Theaterpreis der UNESCO, den IMPULSE NRW Preis sowie zahlreiche Stipendien gewonnen. 2015 wurde sie mit ihrer Produktion Made in Bangladesh für den Deutschen Theaterpreis FAUST nominiert. Im Wintersemester 2018/19 hat sie die Bertolt Brecht Gastprofessur der Stadt Leipzig am Centre of Competence for Theatre der Universität Leipzig inne.

WEBSITE

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REIHEN WEISE FREMD | STRANGE IN SERIES
Eine Forschungsreihe der Juniorprofessur Theaterwissenschaft
#2
HELENA WALDMANN: Made in Bangladesh | Screening und Gespräch
22.11.2018 | 19 Uhr | Institut für Theaterwissenschaft | Ritterstraße 16 | Leipzig

presse #1

Bridge Markland – king-ing the drag – drag-ing the king

4.7.2018 | Institut für Theaterwissenschaft Leipzig

„Die rote Haarpracht stammt vom Perückenmacher, lässt sich mit einer Handbewegung vom Kopf schieben und gibt dann eine Glatze frei. Aus der verführerischen Angela ist ein androgynes Wesen entstanden, grünes Kleid, Glatze – Merkmale, die gemäß unserer Alltagserfahrung nicht zusammenpassen. Das irritiert.“

„Eine Frau als schwuler Mann im Frauenkleid. Bridge Markland eröffnet Reihe zu Fremdheitsforschung.“ Von Dimo Riess. In: LVZ vom 6.7.2018. Nr. 155. S.10

Am Anfang der Forschungsreihe steht die „Berliner Drag-Performerin Bridge Markland mit dem berühmten ‚king-ing the drag – drag-ing the king‘. Darin macht sie ihr eigenes Wirken zum Thema, stellt erste Verkleidungsversuche nach, erzählt Anekdoten und zeigt Ausschnitte aus ihre n Kunststücken, die Grenzen der Geschlechter zu verschieben.“

„Fremdeln. Die Theaterwissenschaft erforscht künstlerisch die Inszenierung des Anderen.“ Von Tobias Prüwer. In: kreuzer 7/18

„Die Künstlerin überschreibt ihre Mischung aus Vortrag und Performance ausdrücklich mit dem Wort „unwissenschaftlich“. Was der Forschungsreihe einen erfrischenden Beginn verleiht, jenseits von hermetischem Akademie-Duktus, der mitunter den Weg zu Erfahrung und Intuition verstellt. Gleichzeitig lesen sich ihre Gender-Experimente selbst fast wie wissenschaftliche Versuchsreihen. “

„Eine Frau als schwuler Mann im Frauenkleid. Bridge Markland eröffnet Reihe zu Fremdheitsforschung.“ Von Dimo Riess. In: LVZ vom 6.7.2018. Nr. 155. S.10

„Veronika Darian hat Markland bewusst als Startpunkt gesetzt: ‚Es ist interessant, wie viele Fremdheitserfahrungen Akademiker erleben, wenn eine nackte Markland auf ihren Schoß hüpft. Das findet ja nicht im frivolen Varieté-Rahmen statt. Man kann viel über Fremdheit sprechen, aber das zu erfahren, ist eine andere Sache. Man kann sich ja nicht vornehmen: Heute mache ich mal eine Fremdheitserfahrung.“

„Fremdeln. Die Theaterwissenschaft erforscht künstlerisch die Inszenierung des Anderen.“ Von Tobias Prüwer. In: kreuzer 7/18

„Markland lädt ein, hinter die Kulisse der äußeren Erscheinung und damit hinter
das im eigenen Kopf beheimatete Klischee zu schauen. Was im besten Fall dazu führt,
sich Automatismen bewusst zu machen und zu hinterfragen, auf welche Merkmale
und Signale man wie reagiert. Ihr gehe es, sagt Markland, nie um Provokation, sondern um Verunsicherung. Die Voraussetzung, um den eigenen Blick neu zu justieren und Annäherung an das Fremde zu ermöglichen. Im besten Fall gelingt es Markland, sich selbst zu irritieren, die äußere Wirkung in sich zu spiegeln. „Ich fühlte mich“, beschreibt sie einen Moment, „wie ein schwuler Mann in Frauenkleidern“.“

„Eine Frau als schwuler Mann im Frauenkleid. Bridge Markland eröffnet Reihe zu Fremdheitsforschung.“ Von Dimo Riess. In: LVZ vom 6.7.2018. Nr. 155. S.10

#1
‚drag‘

presse #0 II

Pressekonferenz am 26.6.2018

mit dabei:
Veronika Darian – Juniorprofessorin am Institut für Theaterwissenschaft | Leipzig Initiatorin der Forschungsreihe REIHEN WEISE FREMD | STRANGE IN SERIES

Marina Miller Dessau – internil | Verein zur Untersuchung sozialer Komposition | Wien

Bridge Markland – Drag-Performerin | Berlin

Arne Vogelgesang – internil | Verein zur Untersuchung sozialer Komposition | Wien

Julian Warner – HAUPTAKTION | Künstlerische Forschungsgesellschaft| München

Oliver Zahn – HAUPTAKTION | Künstlerische Forschungsgesellschaft| München

 

Fremde Stimmen

„Sechs geladene Gäste, eine Moderation aus dem Off und alle mit derselben Stimme. Die Juniorprofessorin der Theaterwissenschaften der Universität Leipzig hatte für gestern zu einer Art Pressekonferenz geladen – und bot stattdessen eine Performance.“

„Aus Vorlesung wird Performance | Theaterwissenschaftler stellen Forschungsreihe vor“ von Lotta-Clara Löwener. LVZ vom 27.6.2018

FREMDE STIMMEN – review zu #0

 

presse #0

Auf|T|Akt

„Schluss mit Fremdeln. Juniorprofessorin für Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig startet Veranstaltungsreihe.“ Leipziger Internet-Zeitung vom 27.6.2018

Artikel

 

„Ich versuche, nicht nur die klassischen wissenschaftlichen Formate, wie Seminarvorträge und Vorlesungen, anzubieten, sondern in meine Lehre verschiedenste Kooperationspartner einzubeziehen – sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Universität. […] Mir ist es dabei wichtig, den Studierenden zu ermöglichen, an gesellschaftlichen Fragen dort zu forschen, wo sie anzutreffen sind. Sie sollen nicht im Elfenbeinturm sitzen und an einer abstrakten Wissenschaft arbeiten. Denn Wissenschaft kann nur betreiben, wer auch rausgeht, sich Sachen anschaut und gemeinsam mit anderen Erfahrungen macht.“

„Künstlerische Forschung bedeutet, dass wir den Studierenden die Möglichkeit bieten, auch künstlerische Zugänge kennenzulernen und auszuprobieren, es geht dabei nicht um Schauspiel- oder Gesangsunterricht. Forschung lässt sich ja nicht nur im wissenschaftlich akademischen Rahmen betreiben. Es ist etwas Anderes, übereinen Text zu sprechen, oder ihn zu sprechen– also auszusprechen und festzustellen, was der Text dann mit einem macht. Diese Erfahrung verändert auch den theoretischen Umgang damit.“

Veronika Darian im Gespräch mit Katalin Valeš

„An gesellschaftlichen Fragen forschen, wo sie anzutreffen sind. Veronika Darian über unkonventionelle Lehrformate in der Theaterwissenschaft.“ LUMAG Das Leipziger Universitätsmagazin vom 25.6.2018

 

 

 

 

 

Sind wir nicht alle ein bisschen „drag“…?

Wenn wir Theorien wie denen Judith Butlers folgen, ja!

Jede geschlechtliche Identität fußt auf einer Imitation. Wir bilden uns ein, uns jeden Tag neu zu erfinden, aber im Grunde imitieren wir permanent Motive von Weiblich- und/oder Männlichkeit, gefangen in den uns umgebenden Bildern und Diskursen von Geschlecht und Geschlechterdifferenz. Unsere Wirklichkeit, mit all ihren Normen, Werten und Abgrenzungen – die oftmals mit den Bezeichnungen „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ zusammengefasst werden – bietet einen Pool an binären Zuschreibungen, derer wir uns meist unbewusst bedienen. Wir folgen Mode- und Schönheitstrends, wiederholen stereotype Geschlechterbilder, die somit über unsere Körper und deren Inszenierung Geschlechterbilder konstruieren und festschreiben. Wir imitieren – so Butler – permanent unsere eigene Idealisierung.

Doing Drag ist im Grunde nichts anderes. Nur, dass die Momente der Darstellung, der Imitation und der Inszenierung hier vielleicht offensichtlicher sind. Mit der Inszenierung eines Rollentauschs, einem Seitenwechsel innerhalb existierender Strategien geschlechtlicher Differenzierung und der perfekten Darstellung einer Frau durch einen Mann (o.u.), wird deutlich, dass Geschlecht und Differenz konstruiert sind. Dass es sich dabei um Darstellungspraktiken handelt.

In der Drag-Inszenierung fallen Performanz und Performance zusammen. Anders als im Alltag passiert die Aneignung der geschlechtlichen Identität bewusst und gezielt. Das damit verbundene Crosscasting wird betont und zumindest in Drag-Performances auch davon ausgegangen, dass dieses dem Publikum bekannt ist – wenn der Geschlechter- und damit meist verbundene Kleidertausch nicht sogar öffentlich passiert.

Drag fasziniert und irritiert zugleich. Je perfekter der Wandel von Frau zu Mann oder Mann zu Frau funktioniert, desto größer sind die Irritation und damit der Effekt auf unsere Wahrnehmung von Geschlecht und Differenz. Der im und mit dem Drag in Szene gesetzte Konstruktionscharakter jeglicher Geschlechtlichkeit stellt die gesellschaftlich postulierte „natürliche“ Weiblichkeit und Männlichkeit in Frage. Und mehr noch: Drag markiert auch ein Dazwischen, eine Verunklarung, weil die Drag-Performance durch das Changieren zwischen Stereotypen Grenzen aufweicht – oder sie zumindest hinterfragen lässt.

Dr. Janine Schulze- Fellmann

Institut für Theaterwissenschaft

Universität Leipzig

#1 Bridge Markland

king-ing the drag – drag-ing the king
con-structing the bridge
de-constructing gender



Die Berliner Gender-Performance Legende Bridge Markland lässt uns performativ und spielerisch Anteil haben, wie sie in den 90ern durch
Experimente mit Kleidung und Verkleidung in Berlin + New York  zu ihrer berühmtesten Gender Performance gelangte...

„Bridge Markland’s performance had me entertained from beginning to end.
Her … interactive gestures towards the audience make you feel as if you are part of her experience, not just an observer.“ 

Studentin, CIEE US-College in Berlin, ‚Gender + Sexuality‘ Kurs



Bridge Markland ist eine Virtuosin des Rollenspiels und der Verwandlung. Mit genialer Leichtigkeit überschreitet sie die Grenzen zwischen Sub- und Hochkultur, Tanz, Theater, Cabaret, Gender-Performance und Puppentheater.

Seit 1985 steht Bridge Markland auf der Bühne und tourte mit ihren Produktionen in Berlin, Deutschland, Europa, Kanada, USA und Australien. Sie spielt als Solistin, arbeitet aber auch mit anderen Companys.
Bridge Markland organisierte von 1994 – 2002 Drag King Shows, Tourneen und Festivals u.a. 2002 das http://www.godrag.de  Festival / women celebrate cross dressing gemeinsam mit Diane Torr, mit welcher sie auch u.a. im Film Venus Boyz von 2002 portraitiert ist.
www.bridge-markland.com

EINDRÜCKE

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REIHEN WEISE FREMD | STRANGE IN SERIES
Eine Forschungsreihe der Juniorprofessur Theaterwissenschaft
#1 
BRIDGE MARKLAND: king-ing the drag – drag-ing the king | 4.7.2018 | 19 Uhr | Institut für Theaterwissenschaft, Universität Leipzig

‚drag‘
presse #1