#4 Fremde Ver|Andern

Eine Vorschau mit Miriam Haller und Susanne Martin

Wie geht es dir gerade?

MH: Anders. Es geht mir anders als lange Jahre zuvor. Mit dieser Formulierung versuche ich, meine eigenen Positiv-Negativ-Wertungen darüber, wie es mir geht (à la „Es geht mir gut. Es geht mir schlecht. Es geht mir besser oder schlechter“), in ihrem Geltungsanspruch einzuklammern. Im Spanischen wird übrigens das ‚es‘ in der Frage weggelassen. Dort heißt es „¿Cómo andas?“, übersetzt ins Deutsche: „Wie gehst Du?“. Die Bewegung des Gehens mit dem Befinden zu verbinden, finde ich schön und hilfreich: Ich gehe anders.

Ich habe mich ver-andert oder – um Arthur Rimbauds Diktum „Ich ist ein Anderer“ aufzugreifen –: Ich habe das Gefühl, eine Andere zu sein, auch wenn ich mich noch wiedererkenne und ich hoffe, Ihr mich auch.

 

Wie ist dir Fremdheit das erste Mal als Begrifflichkeit begegnet?

SM: Keine Ahnung, hier eine spontane Assoziation:

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Wilhelm Müller, aus Winterreise, Franz Schubert

 

Wie wichtig ist es, sich mit Fremdheit auseinanderzusetzen?

SM: Politisch wichtig: Weil Fremdheit diskursiv in der Regel so konstruiert ist, dass sie mit Abwehr konnotiert ist. Aber in dem, was ich tue, arbeite ich mit dem Begriff normalerweise nicht. Mich beschäftigen Praxen, Körper, Improvisation, Tanz. […] Man könnte sagen, es geht gerade nicht darum zu befragen oder festzulegen, ob oder wie fremd das ist, was ich gerade in mir und um mich wahrnehme. Das Interessante ist stattdessen, was ich mir überhaupt sinnlich zugänglich machen kann, was ich imaginieren oder erinnern oder gedanklich differenzieren kann. Das ist dann das Material, mit dem ich künstlerisch umzugehen versuche. Ich habe während meiner PhD Dissertation jahrelang Fragen des Alter(n)s zu meinem künstlerischen Thema und Material gemacht. Das ist, wie wahrscheinlich jeder künstlerische Prozess oder wie überhaupt jeder längere intensive Prozess, ein komplexes Tun und eine vielschichtige Erfahrung, indem ich mir immer wieder Fremdes vertrauter mache und Vertrautes fremd mache. Ein dauerndes Zooming-in und Zooming-out und Perspektivwechsel. Macht es etwas mit meiner Bewegung, wenn ich mir ein bestimmtes Alter vorstelle? Hat der kleine sehr konkrete körperliche Schmerz in meiner rechten Schulter etwas mit Altern zu tun? Werden bestimmte Bewegungen, Verhaltensweisen, ästhetische Präferenzen mit zunehmendem Alter unpassend oder peinlich?

Damit geht es in dieser Arbeit eher um Prozesse, in denen es um die Herstellung von etwas „Normalem“ und dessen „Abweichungen“ geht, um das, was als kulturell angemessen, und das, was als kulturell unangemessen gilt. Was gilt altersbezogen als angemessen, was als unangemessen? Ich verstehe das als eine Art der praktischen Dekonstruktion. Das heißt, ich nutze meinen eigenen Körper, mein Erleben, um die Grenzziehungen und deren Herstellungsprozesse zu verstehen und sie auch auf der Bühne sichtbar zu machen.

MH: Die Auseinandersetzung mit dem subjektiv als fremd Erscheinenden birgt meines Erachtens die Möglichkeit von Bildungsprozessen. Ich schließe damit an ein Bildungsverständnis an, das Bildung als Transformationen von grundlegenden Figuren oder Kategorien des Welt- und Selbstverhältnisses sowie des Verhältnisses zu anderen Menschen sieht (Rainer Kokemohr, Hans-Christoph Koller). Bildungsprozesse lassen sich aus fremdheitstheoretischer Perspektive aber auch als Prozesse der Selbstentfremdung und Dezentrierung verstehen oder mit Norbert Ricken im Anschluss an Foucault als ein Anderswerdenkönnen.

Wenn Simone de Beauvoir schreibt, „erkennen wir uns in diesem alten Mann, in jener alten Frau“, so lässt sich das als Aufforderung lesen, die Fremdheit des Alters zu überwinden und uns, auf ältere Menschen blickend, selbst als Alternde zu erkennen und anzuerkennen.

Unter „Ageing trouble“ verstehe ich nicht nur Figurationen der Subversion restriktiver sozialer Altersidentitätsnormierungen, sondern ganz allgemein die Performanzen alternder Selbst(de)konstruktionen: wie das performative Selbst mit seinen älteren und jüngeren ‚Ichs‘ in einen andauernden gegenseitig zitierenden und re-iterierenden Dialog eintritt. Diese älteren und jüngeren ‚Ichs‘ sehe ich nicht als statische Identitätskonstruktionen, mit denen es sich zu identifizieren gälte – so wie das bei Simone de Beauvoir anklingt –, sondern als viele und vielfältige, fluide, ältere und jüngere, älter und jünger werdende Anteile auf der Bühne eines performativen Selbst.

 

Wie verhältst du dich zu Fremdheit als akademische Kategorie?

MH: Ich versuche gerade, mich ihr anzunähern. […]

Auf den ersten Blick finde ich eine Unterscheidung zwischen Alterität (als übersetzbare Andersheit, die auf einer Ähnlichkeitsunterstellung zwischen Ego und Alter Ego beruht) und Alienität (als radikale Andersheit) interessant und hilfreich. Ich nehme an, dass der Mainstream der Kulturwissenschaften versucht, Fremdheit als Alterität zu untersuchen, d.h. das Fremde in Begriffe des Eigenen zu übersetzen. Zu diesem Ansatz gehört meines Erachtens die Frage nach einem „vermeintlich Fremden“, das mit einem ‚irgendwie anders‘ gearteten „Eigenen“ abgeglichen und vermittelt wird.

Damit riskiert man aber meines Erachtens, das Opake, das unverständliche und unübersetzbare Rätsel des Fremden aus dem Blickfeld auszuschließen. Aus einer Sichtweise, die von einer radikalen Andersheit ausgeht, kann vielleicht manches gesehen werden, das aus der Perspektive der Ähnlichkeitsunterstellung heraus gar nicht zugänglich ist. Es gibt Unübersetzbares. Das würde mich interessieren.

Ein Beispiel: Ich habe in den letzten beiden Jahren meiner Krankheit und Beurlaubung gemeinsam mit meinem Mann weite Reisen unternommen. Im letzten Jahr waren wir auf Bali zu Gast bei einer Familie, die mich zu einer dreitägigen Massenkremationszeremonie ihrer Gemeinde eingeladen hat. Eine Tante war gestorben. Als ich – besorgt über die nur wenigen Worte Balinesisch, die ich spreche, – fragte, was denn eigentlich „Hello“ auf Balinesisch heißen würde, dachte mein Gastgeber lange nach und sagte irgendwann: „Hello“. Ich stutzte und fragte: „Gibt es auf Balinesisch kein Wort für ‚Hello‘?“

„Nein“, antwortete unser Gastgeber und dachte wieder nach: „Ich glaube, wir brauchen keines. Wir sehen uns in der Großfamilie ja ständig. Wir brauchen uns nicht zu begrüßen.“ Diese Unübersetzbarkeit ist für mich ein Beispiel für radikale Fremdheit.

 

Was bedeutet Fremdheit für deine Arbeit?

SM: Ich erforsche nicht Fremdheit; ich glaube, ich erforsche vielmehr den Prozess des Sich-Vertraut-Machens. Also das, was sich am Ende im Habitus widerspiegelt oder besser, ihn ausmacht. Habitus ist wiederum das, wonach ich mich orientiere, mein „Orientierungssinn“. Das geht in den Geschmack, in meine Form des Denkens, des Fühlens ein, in die Art, wie ich meinen Körper erfahre und wie ich intuitiv körperlich agiere. Aber ich frage eben eher danach, wie es kommt, dass sich etwas vertraut anfühlt, und weniger danach, was sich fremd anfühlt. Aber die Verbindungen bestehen natürlich.

MH: Bisher als Begriff wenig. Wie geschrieben: Ich beginne, darüber nachzudenken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s