Sind wir nicht alle ein bisschen „drag“…?

Wenn wir Theorien wie denen Judith Butlers folgen, ja!

Jede geschlechtliche Identität fußt auf einer Imitation. Wir bilden uns ein, uns jeden Tag neu zu erfinden, aber im Grunde imitieren wir permanent Motive von Weiblich- und/oder Männlichkeit, gefangen in den uns umgebenden Bildern und Diskursen von Geschlecht und Geschlechterdifferenz. Unsere Wirklichkeit, mit all ihren Normen, Werten und Abgrenzungen – die oftmals mit den Bezeichnungen „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ zusammengefasst werden – bietet einen Pool an binären Zuschreibungen, derer wir uns meist unbewusst bedienen. Wir folgen Mode- und Schönheitstrends, wiederholen stereotype Geschlechterbilder, die somit über unsere Körper und deren Inszenierung Geschlechterbilder konstruieren und festschreiben. Wir imitieren – so Butler – permanent unsere eigene Idealisierung.

Doing Drag ist im Grunde nichts anderes. Nur, dass die Momente der Darstellung, der Imitation und der Inszenierung hier vielleicht offensichtlicher sind. Mit der Inszenierung eines Rollentauschs, einem Seitenwechsel innerhalb existierender Strategien geschlechtlicher Differenzierung und der perfekten Darstellung einer Frau durch einen Mann (o.u.), wird deutlich, dass Geschlecht und Differenz konstruiert sind. Dass es sich dabei um Darstellungspraktiken handelt.

In der Drag-Inszenierung fallen Performanz und Performance zusammen. Anders als im Alltag passiert die Aneignung der geschlechtlichen Identität bewusst und gezielt. Das damit verbundene Crosscasting wird betont und zumindest in Drag-Performances auch davon ausgegangen, dass dieses dem Publikum bekannt ist – wenn der Geschlechter- und damit meist verbundene Kleidertausch nicht sogar öffentlich passiert.

Drag fasziniert und irritiert zugleich. Je perfekter der Wandel von Frau zu Mann oder Mann zu Frau funktioniert, desto größer sind die Irritation und damit der Effekt auf unsere Wahrnehmung von Geschlecht und Differenz. Der im und mit dem Drag in Szene gesetzte Konstruktionscharakter jeglicher Geschlechtlichkeit stellt die gesellschaftlich postulierte „natürliche“ Weiblichkeit und Männlichkeit in Frage. Und mehr noch: Drag markiert auch ein Dazwischen, eine Verunklarung, weil die Drag-Performance durch das Changieren zwischen Stereotypen Grenzen aufweicht – oder sie zumindest hinterfragen lässt.

Dr. Janine Schulze- Fellmann

Institut für Theaterwissenschaft

Universität Leipzig

2 Gedanken zu „Sind wir nicht alle ein bisschen „drag“…?“

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